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19. April 2017

Was "isst" du so?


In den letzten Jahren ist es immens wichtig geworden, was man isst. Manche verzichten auf Fleisch und auf Fisch, andere auf Zucker oder weiße Auszugsmehle, andere konsumieren nur ökologisch, fair und regional, wieder andere sind überzeugte Veganer oder passionierte MacDonalds-Gänger. Auf Tagungen fällt mir immer wieder auf, wie viele mittlerweile ganz konkrete Speisewünsche angeben ("ohne Laktose, Knoblauch und Weizen, bitte") und wie viele Extrawürstchen gebraten werden. Ich nehme mich da nicht aus, seit über 10 Jahren verzichte ich auf Fleisch, im Sommer auf Milchprodukte, aufgrund mehrerer Unverträglichkeiten in unserer kleinen Familie koche ich ohne dieses und jenes usw. usw. Kurzum: Ich mache mir doch echt ganz schön viele Gedanken darüber, was ich so esse.

Und ich glaube nicht, dass das schlecht ist. Wer viel Auswahl hat, und das haben wir in einem Industrieland im 21. Jahrhundert, hat eben auch die Möglichkeit auszuwählen, wegzulassen und zu verstärken. Uns ist es aber irgendwie wahnsinnig wichtig geworden, zu wissen, was wir in uns reintun. Zu wissen, woher es kommt. Zu wissen, wie es zusammengesetzt ist. Zu wissen, was es in mir macht. Zu wissen, wie es mir schaden könnte. Zu wissen, nicht nur, wie viele Kalorien es hat, sondern wie viel ungesättigte Fettsäuren und Proteine und Kalium. Wir analysieren unsere Lebensmittel mit einer erstaunlichen Präzision, die mich an meine Zeit im biochemischen Labor erinnert - nur, dass dort weniger leidenschaftlich diskutiert und geforscht wurde!

Und da fange ich an, mich über etwas sehr Sonderbares zu wundern.




Während wir uns so unglaublich viele Gedanken darüber machen, mit welchen Makro- und Mikronährstoffen wir uns ernähren, kümmern wir uns selten bis gar nicht darum, womit wir unsere Seele und unseren Geist füttern.

Jedem ist wohl ziemlich klar, dass es tendenziell eher negative Auswirkungen auf mich hat, wenn ich jeden Tag einen BigMac frühstücke. Aber dass es mich mindestens auf eine ähnlich schädliche Art beeinflussen könnte, wenn ich mir jeden Tag Werbung im Fernsehen reinziehe, auf Pinterest rumsurfe und einige von diesen Frauenzeitschriften lese - daran denkt man nicht sofort.

Gleichzeitig ist diese Art der Beeinflussung vielleicht aber noch tückischer, weil sie subtiler ist, die Folgen nicht sofort sichtbar sind und manchmal auch nicht so greifbar ist, wie der gerade genannte Burger, dem die Transfette schon an der Seite rauslaufen.

Was "stopfe" ich regelmäßig in mich rein, ohne es vielleicht bewusst zu merken? So kenne ich zum Beispiel erschreckenderweise mehr Radioliedtexte als Bibelverse auswendig (fragt meinen Mann, ich kann wirklich quasi jedes Lied mitsingen). Und dann, wenn ich nachts wach liege, fällt mir irgendein dämlicher "Hit" aus den Achtzigern ein, aber keine tröstenden Gottesworte. Oder diese ganzen schönen, bunten Bilder in Zeitschriften, auf Blogs und auf Pinterest. Machen sie mich wirklich froh? Oder generieren sie in mir nicht nach und nach das Gefühl, selbst nicht auszureichen? Ich werde langsam aber sicher immer unzufriedener. Mit meinen Klamotten, meinen Haaren, meiner Gartenparty, meiner Hochzeit, meinem Einkommen. Hmpf. Das war nicht so gut.


Mir geht es hier natürlich nicht darum, ein Good vs. Bad aufzustellen und zu sagen, dass Radiohören schlecht ist und das Internet sowieso. Ich glaube nicht, dass es so leicht ist, so schwarz-weiß. Vielmehr eine Frage der Dosis und des Gleichgewichts. Zu viel und zu einseitig ist, Überraschung, nicht gut für mich. Im Prinzip ganz genauso, wie in unserer Ernährung. Vegetarisch ist nicht per se besser als Paleo.
Ich möchte aber darauf aufmerksam machen (und allen voran mich selbst erinnern), dass ich den ganzen Tag konsumiere, und zwar nicht nur Radio und Internet, sondern permanent und ständig. Und - ähnlich wie bei meiner Ernährung - eigentlich Kontrolle darüber habe, was rein kommt und was nicht (mehr). Muss ich mir diesen Film, den alle bejubeln, wirklich anschauen? Welche Message vermittelt er mir? Kann ich nicht einfach den Fernseher ausschalten, nachdem die Serie vorbei ist, und nicht noch das Spätprogramm gucken? Klicke ich mich wie wild von einem Youtube-Video zum nächsten, bis eine Stunde vorbei ist oder sage ich vorher mal stopp?

"Vor allem aber behüte dein Herz, denn dein Herz beeinflusst dein ganzes Leben.", heißt es in der Bibel (Sprüche 4,23). Wenn die Bibel von "Herz" spricht, dann meint sie nicht nur diesen Blut pumpenden Muskel irgendwo in unserem Oberkörper, sondern sie meint damit den ganzen inneren Menschen. Alles, was uns ausmacht, unser innerster Kern sozusagen. Wir würden heute vielleicht sagen, dort sitzt die Seele, der Verstand, auch unser Charakter.

Letztes habe ich Blumensamen vorgezogen für unseren Garten. Ich habe ihnen ein hübsches Bett aus frischer Anzuchterde gemacht, einen kleinen Treibhausdeckel auf die Schale gesetzt, damit sie's schön warm haben, einen sonnigen Ort gesucht und mit reinstem Regenwasser regelmäßig begossen. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, auf diese Samen altes Spülwasser zu kippen oder noch besser Motoröl oder gar nichts. Ich hätte sie nicht in die Erde gesteckt, die ich neben einer Autobahn zusammengekehrt hätte. Und ich hätte sie nie, niemals in die dunkelste, nasseste und kälteste Ecke unseres Kellers gestellt.


Unser Herz ist so ein Samen. Ein Samen, aus dem alles Weitere wächst: Unsere Gedanken, unsere Worte, unser Handeln, unsere Gewohnheiten, unsere Träume, unsere Ziele, unsere Hoffnungen - kurz: unser Leben.

Wie soll mein Leben geprägt sein? Mit was füttere ich mein Herz? Mit guten, "vollwertigen" Dingen, die mich gesund machen, stark werden lassen, sodass die Pflanze, die aus dem Samen wächst, eines Tages gute Früchte trägt? Ich habe die Wahl. Es soll sogar meine Priorität sein, gut auf diesen, meinen Herzsamen aufzupassen. Ihn liebevoll zu pflegen, mit guter Nahrung zu versorgen und zu kontrollieren, was das Absperrband passieren darf und was nicht.



Was tut ihr, um euer Herz gut zu ernähren?

Kommentare:

  1. Vielen Dank für deinen Text, liebe Juli! Dieser Vers aus den Sprüchen ist einer meiner Lieblingsverse und beschäftigt mich momentan mehr. Was braucht mein Herz? Was tut ihm gut? Und warum gebe ich ihm das nicht einfach anstatt es mit wenig gehaltvollem zu vertrösten/ ruhig zu stellen? Ich will wieder mehr lesen und nachdenken. Astrid Lindgren hat glaub ich gesagt: "Und dann braucht man ja auch noch Zeit um einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen." Das braucht mein Herz. Und dein Text ermutigt mich da dran zu bleiben. Danke.

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  2. Ein sehr schöner Text! Das kann ich nur so unterschreiben, deswegen dreht es sich auf meinem Blog auch im Geist & Körper (natürlich glauben, bewusst ernähren, motiviert bewegen) und zwar in der Reihenfolge. Vieles in meiner Ernährung und meiner Motivation in der Bewegung konnte ich "nur" dadurch erreichen, weil ich mich mit meinem Inneren beschäftige. Also nochmal lieben Dank für diesen Bericht. Werde ich auch gleich mal auf meinem Blog teilen. Lieben Gruß aus dem Sommerzimmer von Sandra

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